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VORWORT

Vor dem Chaos gab es Leben. Nach dem Chaos Überleben.
Die Existenz der Frauen und Männer, die sich hier haben fotografieren lassen, ist an einem bestimmten, individuell unterschiedlichen Tag zwischen 1938 und 1944 aus den Fugen geraten. Der plötzliche, brutale Bruch hat sie auf ewig gezeichnet an ihrem Körper, in ihren Empfindungen und vor allem in der Tiefe ihrer Seele. Manchmal haben sie über fünfzig Jahre gebraucht, bevor sie die Kraft gefunden haben, wieder über ihre tiefe Erschütterung, ihre Shoah zu sprechen.
Einige konnten ihr Schweigen nicht brechen. Sie tragen insgeheim die Bürde einer Schuld, die nur für sie existiert. Schuldig, der Hölle entkommen zu sein, überlebt zu haben. Nichts und niemand kann sie von dieser falschen Empfindung befreien. Das Unglück ist geschehen, ihre Seele zutiefst verletzt. Andere haben gesprochen, geschrieben, Zeugnis abgelegt. Aber die Katharsis glückt nur teilweise. Nachts träumen sie nicht von Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau oder anderen Orten mit grausigem Klang, sie kehren dorthin zurück. Egal ob sie in Lagern versklavt oder in Ghettos eingesperrt waren, in den Untergrund gegangen sind oder versteckt wurden, sie alle tragen die gleichen Stigmen: Leid, Demütigung, Verlust ihrer Identität und Trauer.
Heute, da sie diese Gegenwelt fast verlassen haben, sind sie die Überlebenden des Holocaust.
Wie sollen wir uns in sie hineinversetzen, wie sie verstehen, wo sie doch aus den gerade genannten Gründen so weit entfernt von uns sind, und wie sollen wir dennoch zusammenkommen?

Ziel unserer Arbeit war zunächst die symbolische Erinnerung an diese vergangene Zeit – die wir uns nicht einmal vorstellen können – und das Hervorrufen einer Realität, die ausserhalb der Grenzen der Zivilisation stand. Die Fotografien der in einer Umgebung des Nichts sitzenden Überlebenden, ergänzt durch Kurzbiographien und kleine Texte, stellen in gewisser Weise eine Projektion in die Jahre des Chaos dar. Mithin verpflichten uns diese Geschichten, diese persönlichen Shoah, die im Plural geschriebenen Seiten der Geschichte im Singular zu lesen.
Im zweiten Teil des Diptychons richtet sich der Blick auf die Gegenwart, auf die wiedergefundene Normalität oder zumindest den Anschein von Normalität. Man trifft zuweilen Frauen und Männer in ihrer privaten Welt an, die arbeiten, die wieder lachen können, sich wohl fühlen zu Hause und an einem täglichen gesellschaftlichen Leben teilhaben, das verständlich, ja fast banal ist. Nun ist diese Gewissheit paradox und nicht selbstverständlich: sie stellt den – häufig schwer errungenen – Sieg der menschlichen Würde und des Willens zum Überleben über eine abscheuliche Ideologie dar, die von fanatischen Priestern mit anthropomorphem Gebaren gutgeheissen wurde.

Jede Fotografie ist von Texten begleitet, welche die Überlebenden selbst geschrieben und verfasst haben. Sie vermitteln uns so, entweder in ihrer Muttersprache oder in einer Sprache, die ihnen heute nahe ist, eine Episode ihrer Shoah (Text 1.) und parallel dazu einen Kommentar zu ihrem heutigen Leben (Text 2.). Wenn einige Legenden im zweiten Teil des Diptychons keine sichtbare Verbindung zu dem visuellen Eindruck des Bildes aufweisen, auf das sie sich beziehen, so wurde damit dem Wunsch der Verfasser entsprochen, die häufig lieber schriftlich über eine Reflexion oder eine besondere Empfindung berichten wollten, die zu äussern und mitzuteilen ihnen am Herzen lag. Wir haben diesen Wunsch respektiert, denn er schien uns aufs Haar unserem eigenen Ansatz zu entsprechen, nämlich das Wort den Überlebenden und nur ihnen zu überlassen – ohne irgendein subjektives Sprachrohr einzusetzen – damit wir als Zuschauer und Leser einige Elemente der vergangenen Realität erfassen können, die diesen unfreiwilligen Akteuren eines unsäglichen und unbegreiflichen Zeitraumes doch so gegenwärtig ist.

Und obgleich die Zeugenaussagen, die wir zusammengetragen haben, nur einen winzigen Teil einer Problematik offenbaren, die man nicht in ihrer Gesamtheit darstellen kann, lassen diese fünfzig Frauen und Männer, lebende Wächter eines Fragments unseres kollektiven Gedächtnisses, erahnen, wer Die Überlebenden des Holocaust ... Heute sind.
 

Jean Pierre Boesch wurde 1957 in der Schweiz geboren. Er studierte alte Sprachen an der Universität Bern und unterrichtete danach fünfzehn Jahre lang in einer Mittelschule in Biel (Schweiz). Heute widmet er sich fast ausschliesslich der Fotografie und ist auch als Reporter tätig. 1996 hat er bei "Les Editions de l’Hèbe" zwei Bücher herausgegeben : "Heureux qui comme Ulysse…" (Fotobuch, 120 Schwarz- weissfotografien) und "… a fait un beau voyage" (Reiseerzählungen, 225 S.). Seine Fotografien wurden in La Neuveville und Fribourg (Schweiz), in Mulhouse, Strasbourg, Lyon und Paris (France), so wie in Tel Aviv (Israel) ausgestellt. Jean Pierre Boesch ist Schweizer Bürger und lebt heute in Israel, wo er fast zwei Jahre lang an der Vorbereitung der Austellung "Die Überlebenden des Holocaust… Heute" gearbeitet hat.
 


ACHTUNG ! Um die Ausstellung besichtigen zu können, benötigen Sie das Plug-in Flash 4. Wenn Sie die Animation neben diesem Text nicht sehen, laden Sie das Player an dieser Adresse.
  

Die Ausstellung "Survivors of the Holocaust… Today"
wurde unterstützt von :

Dem Eidgenössischen Departement für
auswärtige Angelegenheiten, Bern



SCHWEIZ - Zweiter Weltkrieg
,
Dem Schweizer Israelitischen Gemeindebund,
The Doron Foundation, Switzerland,
The Tel-Aviv Cinematheque,
Les Journées Photographiques de Bienne – Bieler Fototage.


Wir danken für ihre Unterstützung und wertvolle Hilfe :
Herrn John Lemberger und Amcha,
Frau Edna Loebinger vom Institut Massua,
Frau Michal Gans von Beit Lohamei Haghetaot,
Frau Doktor Rachel Israël,
Frau Doktor Judith Stern,
Fräulein Sarah Allouche,
Meiner Gattin, Nathalie.


Die Ausstellung "Survivors of the Holocaust… Today" :
• in der Cinemathek von Tel Aviv, Israel
26. Mai – 23. Juni 1999
• an den Bieler Fototagen – Journées Photographiques de Bienne, Schweiz
4. September – 3. Oktober 1999
• im Espace Yitzhak Rabin in Brüssel, Belgien
8. Dezember – 15. Januar 2000
• im History Museum in Stockholm, Schweden
26. Januar – 25. Februar 2000